Archiv 2009/10

Hoffmanns Bekenntnisse
Die Lästerschule
Oleanna
Woyzeck
Minus Odysseus
Warum weiß ich nicht
Private Wars
Impressions de Pelléas
Kürzere Tage
Tri Sestri
Hin und Her
Rand-Erscheinung
Absolventenvorsingen 2009
Orlando furioso
Absolventenvorsprechen 2009
Gib mir irgendwas, das bleibt...

Hoffmanns Bekenntnisse

Schauspiel nach Hoffmanns Erzählungen von Jules Barbier und Michel Carré 
Mit Musik von Jacques Offenbach
In der Fassung der Theaterakademie August Everding

Premiere: 15. Juli 2010
Freilichtbühne im Arkadenhof des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (Alte Münze)

Inszenierung: Anne Compter
Bühne: Christl Wein
Kostüme: Gera Graf, Beate Gölzner
Dramaturgie: Lisa-Marie Paps

Mit: Marius Borghoff, Claudia Carus, Gisa Flake, Nahuel Häfliger, Rudi-Julian Hindenburg, Josephine Köhler, Philipp Lind, Matthias Renger, Sophie Rogall, Lea Woitack

Ein Künstler schafft große Werke, wenn ihn die Muse küsst. Aber sie achtet eifersüchtig darauf, ob er sein Genie nicht in der Liebe zu Frauen verschwendet.
So begleitet die Muse auch den Dichter Hoffmann, der in einer Weinstube beim Trinken seinen Schmerz über die Trennung von der berühmten Sängerin Stella betäuben will. Gereizt durch den Spott der anderen Gäste und durch die Anwesenheit seines Nebenbuhlers Lindorf, beginnt Hoffmann seine vergangenen Liebeserlebnisse auszubreiten: er berichtet von seinen gescheiterten Verlobungen, von einem Abenteuer mit dem Automaten Olympia, seiner Liebe zur kranken Sängerin Antonia und von der gefährlichen Faszination der venezianischen Edelhure Giulietta – Wahrheit oder Erfindung? Die Gäste des Weinkellers verwandeln sich  von Zuhörern dieser Erzählungen durch die Fantasie des Dichters zu Akteuren seiner poetischen Bekenntnisse.

Die Lästerschule

von Richard Brinsley Sheridan

Premiere: 1. Juli 2010
Akademiestudio

Regie: Malte C. Lachmann
Ausstattung: Clara Wuigk
Dramaturgie: Valeska Stern
Maske: Nadine Gebhardt, Magdalena Grabiec

Mit: P. Daniel Pietzuch, T. Dagmar Geppert, O. Markus Fisher, J. Andreas Haun,
 C. Georg Bütow, Natascha Heimes

Im ersten Moment sieht man nur ein zum Kuss geneigtes Brautpaar. Im zweiten erweitert sich der Blick, erfasst kein Brautpaar mehr, sondern eine verbotene Liebe. Im dritten aber rückt man ab von der Liebesthematik und erkennt den Skandal. Es entsteht der Drang ihn festzuhalten, um im Nachhinein über Beweise zu verfügen. Der Inhalt verliert an Bedeutung – die Einschlagskraft und Brisanz der Neuigkeit wird wichtiger. Das Wissen über den Skandal verleiht einem Macht. Es entsteht ungeheure Freude angesichts des gefundenen Schatzes.

Oleanna

von David Memet

Premiere: 1. Juli 2010
Akademiestudio

Regie: Igor Pison
Ausstattung: Maximilian Lindner
Dramaturgie: Anna-Sophia Güther

Mit: Bettina Lieder, Martin Harbauer

Ein Kuss zwischen Mann und Frau. Anmutig, sanft. Trotzdem scheint etwas über ihnen zu schweben, zu drohen. Ein irritierendes Moment, nicht genau beschreibbar. Dann ein zweiter Blick. Ein Priester küsst eine Nonne. Das Verbotene. Das Unmögliche.
Oder spielen sie eine Rolle? Sie wirken fast verkleidet. Der Stoff ein Fremdkörper um die schönen, jungen Gesichter.
Was ist hier richtig und was ist falsch? Unbehagen bleibt zurück.

Woyzeck

von Robert Wilson/Tom Waits/Kathleen Brennan
nach dem Stück von Georg Büchner
Songs und Liedtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan
Konzept von Robert Wilson
Textfassung von Anne Christin Rommen und Wolfgang Wiens in einer Neuinszenierung von Jochen Schölch

Premiere: 18. Juni 2010
Metropoltheater München

Regie: Jochen Schölch
Bühne: Heike Meixner
Kostüme: Cornelia Petz
Licht: Benjamin Schmidt
Choreographie: Katja Wachter
Musikalische Leitung: Andreas Lenz von Ungern-Sternberg und Friedrich Rauchbauer

Mit: Agnes Kiyomi Decker, Sebastian Fritz, Lilly Gropper, Genija Rykova, Georg Stephan, Fabian Stromberger, Benedikt Zimmermann und LIVE-BAND

Um seine Existenz aufrecht zu erhalten, liefert sich der Soldat Woyzeck seinem Hauptmann und dem zynischen Doctor aus. Sie zahlen ihm "bloody money" dafür, dass er sie an seinem Körper und seiner Seele experimentieren lässt. Doch Woyzeck hat etwas, was keiner seiner Peiniger hat: seine Liebe zu Marie. Dafür erträgt er die Herabwürdigung zur Kreatur, für Marie und ihr Kind. Als Georg Büchner 1837 mit nur 23 Jahren starb, blieb sein Woyzeck ein "Fragment in Prosa" – kurze Szenen, die Schlaglichter auf ein alptraumhaftes Leben werfen, das eine tragische und große Liebesgeschichte hervorbringt.
Für die Bühnenfassung hat Tom Waits zu Büchners Originaltext eine gleichermaßen brutale wie sensible Musik geschrieben, in der aggressive Rhythmik und romantische Melodien das Leid von Büchners Figuren spiegeln. Die Songs mit dem typischen Waits-Sound aus Jahrmarktsmusik, traurigen Walzern und melodiösen Balladen greifen die Stimmung einzelner Szenen auf und verstärken, was Büchner von den verzweifelten Lebensumständen der "armen Leut’" erzählt.

Woyzeck handelt von Wahnsinn und von Obsessionen, von Kindern und von Mord – alles Dinge, die uns berühren. Das Stück ist wild und spannend und phantasieanregend. Es bringt einen dazu, Angst um die Figuren zu bekommen und über das eigene Leben nachzudenken. Ich schätze mal, mehr kann man von einem Stück nicht verlangen. (Tom Waits)

Nach
The Black Rider ist Woyzeck nun die zweite Arbeit des Duos Tom Waits und Robert Wilson, die im Metropoltheater zu sehen ist.

Minus Odysseus

Eine Reise mit den Augen der Anderen 
Mit Texten von Studierenden der Theaterakademie August Everding und Albert Ostermaier

Premiere: 8. Juni 2010
Prinzregententheater und weitere Räume der Theaterakademie

Künstlerische Leitung: Katrin Brack, Albert Ostermaier, Christopher Roth
Inszenierung: Christopher Roth und Studierende des Studiengangs Regie
Raumkonzepte und Kostüm: Katrin Brack mit Studierenden des Studiengangs Bühnenbild und Bühnenkostüm
Dramaturgie: Stephanie Metzger, Regine Pell

Minus Odysseus ist eine Reise ohne den Helden, eine Irrfahrt ohne die Führung des listenreichen und wortgewandten Odysseus, ein Aufbruch zu all denen, die ohne Stimme geblieben sind und eine Expedition in die unsicheren Gefilde eines Mythos. In der Odyssee erzählen Homer und sein Protagonist die Geschichte eines tatkräftigen und risikofreudigen Mannes, auf dessen unendlicher Heimkehr er und seine Gefährten immer wieder in fremd auferlegte und selbstverschuldete Extremsituationen getrieben werden. Die von den Göttern endlich beschlossene Rückkehr nach Ithaka wird im Epos zur unerbittlichen Rache des einzig überlebenden Odysseus gegen die Freier der Penelope und zur heilsamen Wiedervereinigung der Eheleute. Minus Odysseus wechselt die Perspektive und unternimmt eine Entdeckungsreise in unbesprochene Gebiete der Odyssee. Verfolgt werden blutige Spuren des ruhmreichen Helden, aufgesucht werden Zurückgebliebene, Verlassene und Opfer des Irrfahrers. Aus einem gegenwärtigen Blickwinkel wird der Mythos der Odyssee und von Odysseus von Studierenden aller Studiengänge der Theaterakademie August Everding weitergesponnen, befragt, revidiert, neu erfunden. In diesem erstmals von Beginn an studiengangs- und spartenübergreifend konzipierten Projekt, also in der umfassenden interdisziplinären Zusammenarbeit der Studierenden wird das Theater zu einem Hallraum der Erzählung, wo sich vielfältige sinnlich-theatrale, musikalische und textliche Sprachen vermengen. Hauptbühne, Hinterbühne, Unterbühne, Gänge, Garderoben und Übungsräume des Prinzregententheaters und der Theaterakademie bilden ein Labyrinth durch die Untiefen eines scheinbar bekannten Stoffes.

Warum weiß ich nicht

Biennale special
Fünf Kurzopern

Uraufführung
Premiere: 6. Mai 2010
Reaktorhalle

Musik: Jelena Dabic, Greogor A.Meyerhofer, Samy Moussa, Arash Safaian, Johannes X. Schachtner
Texte: Micaela von Marcard, Norbert Niemann, Claudio Pinto, Dorna und Arash Safaian
Musikalische Leitung: Ulrich Nicolai
Inszenierung: Johanna Wehner
Ausstattung: Elisabeth Vogetseder
Videoinstallation: Sophie Lux
Dramaturgie: Angelika Rösser

Mit: Monika Lichtenegger, Martina Koppelstätter, Samuel Jaime Santana, Brent Damkier, Peter Neff

Arcis-Ensemble der Hochschule für Musik und Theater München

Fünf Menschen, die alles haben, alles vollbracht haben, alles erlebt haben. Sie haben alles erworben und besessen. Sie leben mit dem Gefühl, alles schon erlebt zu haben und alles gewesen zu sein. Sie waren Kinder, sie waren Geschwister, sie wurden erwachsen, sie wurden Geliebte, sie wurden Eltern. Sie haben Dinge verloren, sie haben Neues entdeckt. Sie sind stets nach vorne gegangen, sie kamen weiter im Leben. 

Und jetzt sind sie angekommen. Es geht nicht mehr vorwärts. Sie sind satt. Endzeitstimmung ohne Not und ohne Sinn. Sie sind wunschlos unglücklich. Ihre Bedürfnisse wurden nicht befriedigt: der Drang nach Miteinander, das Bemühen um Verstandenwerden, das Formulieren neuer Fragen, die auf eine Zukunft hinweisen, kurz – das Verlangen nach Inhalt. In diesem Zustand richtet sich das Interesse auf Vergangenes, auf die eigene Kindheit und auf bereits Gewesenes. Die fünf Kurzopern der Serbin Jelena Dabic, des gebürtigen Iraners Arash Safaian, des Kanadiers Samy Moussa und der beiden Münchner Johannes X. Schachtner und Gregor A. Mayrhofer widmen sich dem Blick zurück auf der Suche nach dem Blick nach vorn.

Private Wars

Ein Tanz-Theater-Projekt

Premiere: 22. April 2010
Akademietheater

Inszenierung: Mario Andersen, Katja Wachter
Choreographie: Katja Wachter
Bühne: Jörg Brombacher
Kostüme: Adriana Taratufolo
Musik: Martin Lutz
Dramaturgie: Johanna Jäger, Martin Petschan

Mit: Peri Baumeister, Claudia Carus, Josephine Köhler,  Sophie-Marie Rogall, Lea Woitack, Marius Borghoff, Nahuel Häfliger, Rudi-Julian Hindenburg, Philipp Lind, Matthias Renger

Menschen, mit denen wir uns nie anfreunden würden. Menschen, in die wir uns verlieben dürften. Menschen, über die wir lachen könnten. Wären sie nicht unsere Familie. Diese Gruppe, in die uns die Natur ungefragt hineingeworfen hat, kennt ihre eigenen Regeln. Hier ist Geborgenheit, hier gibt es kein Entkommen. Während Freundeskreise sich regelmäßig häuten, beanspruchen Familienbande eiserne Gültigkeit – ohne Rücksicht auf die Veränderungen, die der einzelne durchlebt. Rollenwechsel wollen hart erkämpft sein. Und wo die emotionale Bindung am höchsten ist, tobt der Krieg am heftigsten. 

Hinein in den Kampf. Es braucht einen Willen aus Stahl und Nerven aus Eisen, um die Schuldigen an den Pranger zu zwingen. Die Familie ist das Schlachtfeld. Alles wird zerrieben in ihrem Mahlwerk. Sie würgt den letzten Atem ab. Doch schreien hilft nicht, sie gehört dazu, für immer und ewig. Der Krieg im Hause bis zum Tod.

Nach der Erfolgsproduktion Paare. Schritte gestalten Mario Andersen und Katja Wachter einen neuen Abend aus Sprache, Spiel und Tanz, eine Suche nach Momenten, in denen das traute Heim auseinander bricht, die verstaubte Fassade bröckelt und die Bewohner neue Ordnungen schaffen. 

Impressions de Pelléas

Nach Pelléas et Mélisande von Claude Debussy und Maurice Maeterlinck in der Fassung von Marius Constant (Paris, 1993)

Premiere: 12. April 2010
Großes Haus im Prinzregententheater

Musikalische Leitung: Joachim Tschiedel
Inszenierung: Renate Ackermann
Bühne und Kostüme: Anika Söhnholz
Video: Philipp Contag-Lada
Dramaturgie: Johanna Mangold

Mit: Maria Pitsch, Anna Marie Podszus, Ulyan Regener, Christian Eberl, Dooseok Kang und Johannes Stermann

Klavier: Joachim Tschiedel, Maria Fitzgerald

Debussys ideale Vorstellung einer Opernhandlung entwickelt sich zwischen den Polen Nature und Imagination – Doch was liegt dazwischen? Das Symbol. So ist es wenig verwunderlich, dass Debussy 1893 das symbolistische Drama Pelléas et Mélisande von Maurice Maeterlinck in ein Libretto für eine Oper umarbeitet. Dabei verändert Debussy lediglich einzelne Momente, so dass Inhalt und szenischer Ablauf in Drama und Oper homogen sind: Das geheimnisvoll-schöne Wesen Mélisande wird von Golaud an einem Brunnen gefunden, von ihm heimgeführt und zur Frau genommen. Sie verliebt sich allerdings in Golauds Halbbruder Pelléas, den Golaud aus Eifersucht tötet. Mélisande stirbt bei der Geburt einer Tochter. 

Die Version, in der Debussys Drame lyrique in der Regie von Renate Ackermann zu sehen ist, beruht auf der Fassung Impressions de Pelléas. Pour Chant et deux Pianos von Marius Constant, welche 1993 unter Peter Brook in Paris uraufgeführt wurde. Dabei gestattet die Verwendung von zwei Klavieren statt eines vollständigen Orchesters eine feinfühlige Berührung mit Debussys impressionistischen Klavier-Kompositionen, was Constants Fassung sowohl zu einer intimen und als auch ausdrucksstarken Interpretation macht.

Kürzere Tage

Im Rahmen des Projekts STÄFFELE TP HEAVEN am Schauspiel Stuttgart
Nach dem gleichnamigen Roman von Anna Katharina Hahn
In einer Fassung für das Theater von Sarah Israel und Johanna Wehner

Uraufführung
Premiere: 31.01.2010

Regie: Johanna Wehner
Raum: Hannes Hartmann
Kostüme: Elisabeth Vogetseder
Ton: Thomas Fichtner
Dramaturgie: Sarah Israel

Mit: 
Boris Burgstaller, Gabriele Hintermaier, Lukas Rüppel, Schirin Sanaiha, Stephanie Schönfeld

Stuttgart, die Constantinstraße im schönen Lehenviertel: beschaulich, idyllisch, glückliche Bewohner. Auf den ersten Blick bestätigen Judith, Leonie und Luise – Nachbarinnen in der Constantinstraße – diesen Eindruck. Allein Marco, der Jugendliche vom Olgaeck, der mit seinem aggressiven Verhalten die Straße aufmischt, ist Indiz für die Brüchigkeit dieses Paradieses.

Judith, die versucht in der Rolle als liebende Hausfrau und Mutter ihre Ängste und die erfolglose Vergangenheit als tablettensüchtige Studentin zu kompensieren, ist hier ebenso Opfer eines selbst konstruierten, jedoch trügerischen Lebenssystems wie Leonie. Sie, die wegen ihres aufstiegswütigen Mannes in die Constantinstraße gezogen ist, scheitert an ihrem Ehrgeiz perfekte Mutter und perfektes, vom Ehemann begehrtes, "Business-Babe" zu sein. Und Luise, das Überbleibsel alter Zeiten, die bereits hier lebte als Stuttgart noch "Kaputtgart" war, muss versuchen mit ihrem körperlichen Verfall sowie der Abgeschiedenheit vom gesellschaftlichen Leben umzugehen.

So unterschiedlich die vier Personen dieses Kleinst-Stuttgart sind, so ähnlich sind ihre Bedürfnisse. Sehnsucht prägt den rhythmisierten Alltag, und die Angst zu versagen, nicht geliebt zu werden, bedingt eine Paranoia, die blind macht für die eigene Umwelt. Bis Marco entscheidet, sich seinen Wunsch nach Geborgenheit zu erfüllen, dem eigenen Unglück ein Ende zu setzen. STÄFFELE TO HEAVEN – ein Projekt über Liebe in Stuttgart. Wo ist sie, die Liebe in diesem Stuttgart? Ersehnt wird sie, imaginiert und beweint wird sie, nur gelebt, das wird sie nicht – weder in Bezug auf ein Gegenüber noch in Bezug auf sich selbst. Hier beginnen die persönlichen Katastrophen, die zur gesellschaftlichen Tragödie führen und um die die Inszenierung Kürzere Tage kreist.

Tri Sestri

Drei Schwestern
Oper in drei Sequenzen von Peter Eötvös
Libretto von Claus H. Henneberg und Peter Eötvös
nach dem Drama von Anton Tschechow
in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 8. Februar 2010
Großes Haus im Prinzregententheater

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Co-Dirigent: Joachim Tschiedel
Inszenierung: Rosamund Gilmore
Bühne und Kostüme: Carl Friedrich Oberle
Dramaturgie: Johanna Jordan und Valeska Stern

Münchner Rundfunkorchester

Mit: Elvira Hasanagic, Anna Lapkowskaja, Eun-Kyong Lim, Ines Krapp, Benjamin Appl, Franz Schlecht, Andreas Burkhart, Yeunku Chu, Rouwen Huther, Daniel Eggert, Rainer Siegenthaler, Dooseok Kang

Die drei Schwestern Irina, Mascha, Olga und ihr Bruder Andrej sehnen sich nach dem Tod ihres Vaters in ihre frühere Heimatstadt Moskau zurück. Die von ihnen als erschöpfend empfundene Alltagsrealität in der Provinz führt zu endlosem Philosophieren und gebiert den Traum, diese geliebte Vergangenheit zur Zukunft zu machen. 
Peter Eötvös‘ Oper Tri Sestri war seit ihrer Uraufführung 1998 in Lyon bereits in mehr als fünfzehn Produktionen europaweit zu sehen. Die Librettobasis bildet Anton Tschechows gleichnamiges Drama. Dessen Geschichte wird allerdings nicht nacherzählt, sondern auseinander geschnitten und neu zusammengesetzt. Aus den ursprünglich vier Akten macht Eötvös drei Sequenzen. In jeder Sequenz wiederholt sich das Geschehen, wobei immer eine andere Figur im Mittelpunkt steht. Dadurch wird der Fokus auf die Einzelschicksale der Geschwister gesetzt. Jeder hat eine Entscheidung zu treffen – Irina zwischen zwei Liebesanwärtern, Andrej zwischen den Schwestern und der Angetrauten, und Mascha zwischen dem Drang nach Freiheit und dem fesselnden Band der Ehe. Alles kann dem Ausbruch aus der verhassten Einöde dienen – oder lediglich in diese zurückführen.

Jeder Figur ist in der Komposition ein Instrument zugeordnet, durch dessen Klangfarbe sie charakterisiert wird. Diesen Soloinstrumenten, die sich zu einem Kammerensemble im Orchestergraben zusammenfügen, steht ein klangverstärkendes Orchester auf der Bühne gegenüber.

Hin und Her

von Ödön von Horváth

Premiere: 6. Februar 2010
Akademietheater

Inszenierung: Antje Schupp
Bühne und Kostüme: Beate Gölzner
Dramaturgie: Martin Petschan

Mit: Saskia Dreyer, Josefine Ehlert, Sebastian Fritz, Tina Haas, Daniel Pietzuch, Natalia Rudziewicz, Dimitrij Schaad, Jonas Schmid und Christian Streit

Der Staat ist für seine Bürger zuständig. Staatsbürger ist man dort, wo man zuhause ist. Und zuhause ist man dort, wo man hingehört. Wenn man nicht dort lebt, wo man hingehört, hat man es schwer. Ist der eine Staat nicht mehr zuständig, wird man abgeschoben. Ist der andere Staat auch nicht zuständig, wird man zurückgeschoben. Ist der erste Staat immer noch nicht zuständig, wird man hin- und hergeschoben. Das strengt an, lässt sich aber nicht vermeiden. Im allgemeinen Staatengetriebe wird oft ein persönliches Schicksal zerrieben. Und Grenzen muss es schließlich geben. Sonst käme ja jeder überall hinein. Auch dorthin, wo niemand zuständig ist.

1934, zu einer Zeit, als im Zeichen des Nationalsozialismus die Grenzen strenger werden und die Frage nach Herkunft und Staatszugehörigkeit existenzielle Bedeutung erhält, schreibt Ödön von Horváth ein Lustspiel über Abschiebung, Heimatverlust und Bürokratie, über Grenzen auf der Landkarte und Grenzen in den Köpfen der Menschen. Im komödiantischen Gewand des Wiener Volkstheaters tauchen Fragen auf, die unsere von Migration geprägte Zeit genauso betreffen. Wer bestimmt, wohin man gehört? Ist man dort zuhause, wo man sich zuhause fühlt? Kann sich jeder seine Heimat auf dem Weltmarkt selbst aussuchen?

Nach Der Kissenmann von Martin McDonagh, Für eine bessere Welt von Roland Schimmelpfennig, Onkel Wanja von Anton Tschechow und dem Opernabend Brot und Spiele legt Regiestudentin Antje Schupp mit Hin und her ihre Diplominszenierung vor. 

Rand-Erscheinung

Eine Präventivmaßnahme

Premiere: 10. Dezember 2009
Akademiestudio

Inszenierung: Till Wyler von Ballmoos
Ausstattung: Jelena Nagorni
Dramaturgie: Anna Schweiger, Dorothea Streng

Mit: Judith Toth, Lukas Turtur, Urs Fabian Winiger, Samuel Stoll

Halbierte Häuser. Gebrochenes Fundament. Wissen unter Trümmern.
Als das Kölner Stadtarchiv in den Abgrund stürzte, zerbrach die Illusion, nach unserem Willen unbegrenzt bewahren und sichern zu können.
Einmal sensibilisiert findet man sich von Löchern umzingelt, die vielleicht nur die Vorboten eines noch größeren sind.
Doch wie soll man mit entstandenen Leerstellen umgehen? Soll man sie verstopfen, umgehen, überbrücken, ignorieren oder domestizieren? Sind Löcher eine Katastrophe, oder die Möglichkeit eines Neuanfangs?
In der Theaterperformance Rand-Erscheinung. Eine Präventivmaßnahme tasten wir uns dem Rand des Nichts entgegen. Wir höhlen Spalten aus, sprengen Risse in unser Wissen und reißen verschüttete Gruben wieder auf.
Präventiv graben wir uns vor – wissenschaftlich, mit einem Personal aus Künstlern.

Absolventenvorsingen 2009

20. November 2009
Großes Haus im Prinzregententheater

Mit: Miriam Clark, Brigitte Bayer, Vanessa Goicoechea, Myung-Joo Lee, Guibee Yang, Maria Shushansky, Christian Eberl, Min Kwon Han, Roland Schneider, Junho You

Die Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Musiktheater/Operngesang der Theaterakademie August Everding und der Hochschule für Musik und Theater München präsentieren sich.

Orlando furioso

Dramma per musica in drei Akten von Antonio Vivaldi
Libretto von Grazio Braccioli nach dem Versepos Orlando furioso von Ludovico Ariosto
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 9. November 2009
Großes Haus im Prinzregententheater

Musikalische Leitung: Michael Hofstetter
Inszenierung: Christof Nel
Szenische Analyse: Martina Jochem
Bühne: Thomas Goerge
Kostüme: Dagmar Morell
Dramaturgie: Judith Altmann, Ursula Suwelack
Licht: Benjamin Schmidt

Mit: Valer Barna-Sabadus, Laura Faig, Ulyana Regener, Ines Krapp, Hanako Takahashi, Anna Lapkowskaja, Sayaka Shigeshima, Augustine Mercante, Roland Schneider, David Jerusalem, Thomas Stimmel

Antonio Vivaldis zum Karneval 1727 komponierte Oper Orlando furioso basiert auf dem gleichnamigen Versepos von Ludovico Ariosto. Die Handlung des Dramma per musica, das bis ins 20. Jahrhundert hinein vergessen war, thematisiert die Liebe in allen ihren Ausprägungen.

Bradamante und Angelica haben sich ins Reich der Alcina begeben. Angelica befindet sich auf der Flucht vor dem heftig in sie verliebten Orlando und möchte hier mit Alcinas Hilfe ihren Verlobten Medoro wiederfinden. Bradamante hofft auf ein Wiedersehen mit Ruggiero. Alcina hat sich ihrerseits in Ruggiero verliebt und diesen so verzaubert, dass er Bradamante nicht wiedererkennt. Es beginnt ein Verwirrspiel von Intrigen und Verwechslungen, in dem alle Mittel recht sind – List und Gewalt kommen im Konkurrenzkampf um Liebe und Anerkennung zum Einsatz. Am Ende steht eine Hochzeit, und nichts bleibt, wie es war: Lässt sich Liebe ohne Zurückweisung und Isolation anderer verwirklichen? Ist Glück ohne gleichzeitiges Unglück möglich?

Nach dem Erfolg der drei Operneinakter Das Wundertheater, Ein Landarzt, Das Ende einer Welt von Hans Werner Henze lotet Regisseur Christof Nel zusammen mit Martina Jochem (szenische Analyse) in seiner zweiten Inszenierung an der Theaterakademie August Everding mit den jungen Sängerinnen und Sängern die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit aus. Das Finden des Partners – und vor allem das Finden zu sich selbst – wird zu einem Drahtseilakt mit ständiger körperlicher und seelischer Absturzgefahr. 

Absolventenvorsprechen 2009

3. November 2009
Akademietheater

Der Abschlussjahrgang des Studiengangs Schauspiel der Theaterakademie August Everding / Hochschule für Musik und Theater München stellt sich mit einem szenischen Programm vor.

Mit: Robert Augustin, Philipp Börner, Gisa Flake, Marian Kindermann, Bettina Lieder, Natalia Rudziewicz, Felix Steinhardt, Luise Weiß

Gib mir irgendwas, das bleibt...

Ein Wagner-Projekt mit und ohne Musik und Theater

Premiere: 8. November 2009
Reaktorhalle

Inszenierung: Johanna Wehner
Ausstattung: Melanie Fürst
Dramaturgie: Angelika Rösser, Katharina Molitor
Produktionsleitung: Jeannine Koda

Mit: 
Julian David, Gisa Flake, Marian Kindermann, Anna Müllerleile, Florian Richter, Alexander Ruef, Bettina Ullrich

Eben keine jahrzehntelang gereiften Bayreuth-Stimmen, sondern Schauspieler, Musical-Darsteller, Sänger des klassischen und experimentellen Fachs sowie ein Impro-Pianist setzen sich mit Inhalten, Figuren und Darstellungsformen Wagnerscher Musikdramen auseinander – als neu zusammengewürfelte Einzelelemente aus der Gesamtkunstwerk-Synthese des Opernrevolutionärs. Immer wieder scheint dabei die Sehnsucht auf, irgendeine Form von Eindeutigkeit, Beständigkeit zu erlangen. Was verbirgt sich hinter diesem Drang nach Unzerstörtem, nach Unzerstörbarem, nach Absolutem? Sind es die eigenen Wurzeln, die Heimat, das Zwischenmenschliche, was den Menschen bei sich ankommen lässt? Führt die Möglichkeit, alles in Kategorien sortieren zu können, zu mehr Kontrolle? Kann der Wunsch nach einer konstanten Welt erfüllt werden – und selbst wenn: ist das wünschenswert? Die Collage Gib mir irgendwas, das bleibt ... erzählt von den Fragen nach etwas Sicherem und den Schwierigkeiten um die Antwort.